Außenminister Fabius in DIE ZEIT: Der Klimawandel ist gleichzeitig ein Sicherheitswandel [fr]

Die Wochenzeitung DIE ZEIT veröffentlichte in ihrer Ausgabe vom 7.5.2015 einen Beitrag des französischen Außenministers Laurent Fabius zu den Herausforderungen des Klimawandels und der UN-Klimakonferenz im Dezember 2015 in Paris.

Das Klima der Angst

Im Dezember ist Frankreich Gastgeber der 21. Klimakonferenz der Vereinten Nationen, der COP 21. Ziel dieser Konferenz ist ein Abkommen zur Begrenzung des Temperaturanstiegs auf 2 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau bis Ende dieses Jahrhunderts. Meine Rolle als Vorsitzender der COP 21 wird darin bestehen, einen ehrgeizigen Kompromiss zwischen 195 Staaten – zusammen mit der EU 196 Vertragsparteien – voranzutreiben. Die unterschiedlichen Entwicklungsstadien der einzelnen Staaten haben auf Verhandlungsebene unterschiedliche Problemansätze zur Folge. Gleichwohl gibt es gewichtige Interessen, die uns allen gemeinsam sind – wie etwa das mit der Klimaproblematik eng verbundene Thema Sicherheit.

Die Klimaproblematik geht seit je mit Bedrohungen der Sicherheit einher. Die klimatischen Veränderungen erschüttern sämtliche wirtschaftlichen und sozialen Gleichgewichte und bewirken Gefahren für die Innere Sicherheit der Staaten. In Frankreich zum Beispiel waren nach Auffassung der Historiker die Regenfälle des Jahres 1788 und die daraus resultierende Missernte die Ursache der Ernährungskrise, die zum Ausbruch der Französischen Revolution beitrug. In den USA führten in den 1930er Jahren Trockenheit und Staub- stürme in den Great Plains zu einer massiven Landflucht in die Städte Kaliforniens, was wiederum die Sicherheitsprobleme in den Städten verschärfte. 2005 verursachte der Hurrikan Katrina Chaos mit schweren Störungen der öffentlichen Ordnung – Plünderungen und Gewalt –, sodass die Armee einschreiten musste.

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor hängt mit den massiven Migrationsbewegungen zusammen. Der Klimawandel – Dürreperioden, Anstieg des Meeresspiegels – macht manche Gebiete unbewohnbar und treibt die dort lebende Bevölkerung in die Flucht. Oft suchen diese Menschen in ohnehin schon überbevölkerten Regionen Zuflucht. Menschen, die jede Orientierung verloren haben, können radikalen Bewegungen anheimfallen. So zum Beispiel Ende der 1970er Jahre in der Sahelzone: Extreme Trockenheit trug damals dazu bei, dass viele Tuareg nach Libyen abwanderten und dort für Gaddafis »Islamische Legion« angeworben wurden. Auch die Destabilisierung Nordmalis, die Frankreich im Januar 2013 zur militärischen Intervention veranlasste, war eine Nachwirkung davon.

Der Klimawandel ist also gleichzeitig ein Sicherheitswandel. Im Falle eines Temperaturanstiegs um mehr als 2 Grad Celsius – und das wird kommen, wenn wir nicht oder nicht ausreichend handeln – werden die Bedrohungen des Friedens und der Sicherheit zahlreicher und intensiver werden. Eine „klimatisch aus den Fugen geratene“ Welt wird dann zu einer Welt voller Gefahren werden.

Ein Land, das Sonnenenergie erzeugt, nimmt niemandem etwas weg

Diese Risiken sind alles andere als abstrakt. In Ägypten würde ein Anstieg des Meeresspiegels um 50 Zentimeter die Flucht von vier Millionen Menschen aus dem Nildelta zur Folge haben. Eine zunehmende Desertifikation instabiler Gebiete wie etwa der Sahelzone würde der Entwicklung der dort jetzt schon prosperierenden kriminellen Netzwerke und terroristischen Gruppierungen zusätzlich Vorschub leisten. Eine weitere Folge des Klimawandels wäre eine zunehmende Verschärfung der heute in den Regionen zwischen Niger und dem Persischen Golf konzentrierten Bedrohungen. Dieser „Krisengürtel“ ist auch ein „Dürregürtel“.

All diese Gründe sollte uns von zwei Notwendigkeiten überzeugen: Die Erwärmung muss auf unter 2 Grad Celsius begrenzt werden. Und die Risiken durch Klimaschäden für die Bevölkerung müssen verringert werden – unter anderem durch entsprechende Küstenschutzmaßnahmen gegen den steigenden Meeresspiegel und durch eine bessere Wasserbewirtschaftung in den Dürregebieten. In diesem Zusammenhang ist oft die Rede von »Anpassung« – ein Thema, das nicht immer die ihm gebührende Aufmerksamkeit erhalten hat. In dem für Ende 2015 angestrebten Abkommen muss die Anpassung insbesondere wegen der sicherheitspolitischen Zusammenhänge einen wichtigen Platz einnehmen.

Ich möchte einen anderen wesentlichen Aspekt hervorheben: Der massive Einsatz kohlenstoffhaltiger Energieträger (Kohle, Erdöl, Gas) wirkt, seitdem diese für unsere Volkswirtschaften von zentraler Bedeutung sind, als Konfliktbeschleuniger. Warum? Weil die fossilen Energievorkommen sehr ungleich verteilt sind. Dies bewirkt Abhängigkeiten und Rivalitäten, die für die internationale Sicherheit bedrohlich sind. Die Kontrolle über die Kohlevorkommen dies- und jenseits des Rheins war einer der wesentlichen Konfliktgründe zwischen Deutschland und Frankreich. Jean Monnet hat dies hervorragend auf den Punkt gebracht: »Kohle und Stahl waren zugleich Schlüssel zu wirtschaftlicher Macht und zu dem Arsenal, wo die Kriegswaffen geschmiedet wurden.« Dass diese Rivalität verschwinden konnte, ist der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl und der verringerten Abhängigkeit von der Kohle zu verdanken.

Vor den Toren Europas steht heute die Kontrolle über die Erdgas-Transportwege im Mittelpunkt von Konflikten mit potenziell destabilisierender Wirkung auf unseren Kontinent – der »Gaskrieg« von 2009 zwischen Russland und der Ukraine hat dies verdeutlicht. In Asien spielen bei den Spannungen zwischen China und Japan um die Inselgruppe Senkaku die Ausbeutung des an Öl- und Gasvorkommen reichen Meeresgrunds und die Absicherung der Transportwege eine maßgebliche Rolle.

Diese Gegebenheiten werden sich im Laufe der Zeit wohl weiter verschärfen. Die weltweite Primärenergie- nachfrage könnte Schätzungen zufolge bis 2035 auf 17,5 Milliarden Tonnen »Rohöleinheiten« anwachsen – das sind 35 Prozent mehr als 2015. Wenn diese Nachfrage zu 80 Prozent durch fossile Energieträger gedeckt wird (gegenüber heute 85 Prozent), wird deren Verbrauch sich um 25 Prozent erhöhen. Die energetischen Abhängigkeiten werden deutlich stärker und gefährlicher als heute sein.

Wir brauchen eine »Weltgemeinschaft für saubere Energie«, um uns von der Abhängigkeit von fossilen Energieträgern und den damit verbundenen Konfliktrisiken zu befreien. Die Dekarbonisierung der Volkswirtschaften fördert die Sicherheit, da sie für mehr Gleichheit beim Zugang zu Energie sorgt. Ein Land, das auf seinem Territorium mehr Sonnen- oder Windenergie erzeugt, nimmt niemandem etwas weg. Diesen wichtigen Vorteil für den Frieden und die Sicherheit in der Welt dürfen wir nicht unterschätzen.

Aus all diesen Überlegungen ergibt sich das Postulat, dass die COP 21 in Paris – in erster Linie den Entwicklungsländern – konkrete Mittel und Möglichkeiten für einen besseren Zugang zu Energie verschaffen und gleichzeitig die Dekarbonisierung der Volkswirtschaften vorantreiben muss. Auf diese Weise ließe sich das Risiko, dass kohlenstoffhaltige Energieträger sich zu einer wach- senden Konfliktursache entwickeln, deutlich reduzieren.

Den Ländern helfen, ihre Anfälligkeit für Klimaschäden zu mindern, den Zugang zu Energie demokratisieren und gleichzeitig die Volkswirtschaften dekarbonisieren – das entspricht unseren ureigenen Sicherheitsbedürfnissen. Ein verbindliches Abkommen zustande zu bringen ist deshalb eine Frage von existenzieller Bedeutung für die Menschheit. Dazu brauchen wir die Anstrengung aller.

Letzte Änderung 03/07/2015

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