Frankreich erkennt Schuld für Schicksal der Harkis an [fr]

Seit 2003 erinnert sich Frankreich jeweils am 25. September dem Schicksal der Harkis, die als algerische Hilfskräfte im Algerienkrieg an der Seite der französischen Armee in Algerien kämpften. Viele flohen nach dem Ende des Algerienkrieges nach Frankreich und andere mussten die mangelnde Unterstützung durch die Republik bitter bezahlen.
Staatspräsident Jacques Chirac hatte diesen Tag 2003 zum Gedenktag erhoben und am Invalidendom ein Denkmal eingeweiht. Hier wie überall in der Republik gedenkt Frankreich mit öffentlichen Gedenkakten dem Schicksal der Harkis.
Staatspräsident François Hollande erkannte bei der diesjährigen Feier in Paris erstmals die Schuld Frankreichs am Schicksal der Harkis an.

Auszüge aus der Rede von Staatspräsident François Hollande zum nationalen Gedenktag zur Würdigung der Harkis

(…) Heute trete ich an diesem geschichtsträchtigen Ort, dem Cour des Invalides, vor Sie, um einen Dienst an der Wahrheit zu leisten.

Die Wahrheit ist erbarmungslos.

Die Wahrheit ist grausam.

Im Algerienkrieg hat die französische Armee zur besseren Kontrolle eines Gebietes von über zwei Millionen Quadratkilometern Größe Hilfskräfte in der Bevölkerung rekrutiert. Über 200.000 Männer dienten damals in französischer Uniform. (…) Wir kennen sie alle unter dem Namen Harkis

Sie gehörten zu ihnen. Sie haben unter französischer Flagge gedient. Diese Entscheidung hat Ihr Schicksal für immer mit dem Frankreichs verbunden.
Als der Waffenstillstand am 19. März 1962 in Folge der Abkommen von Evian vereinbart wurde, vertrauten diese Harkis, Frankreich, da Sie für dieses Land gekämpft hatten, und Sie konnten sich nicht vorstellen, dass es Sie im Stich lassen würde.

Doch genau das passierte. Die damalige Regierung lehnte es ab, die Harkis nach Frankreich zu holen. Frankreich hielt damals sein Versprechen nichtein. Es kehrte den Familien den Rücken, die eigentlich Franzosen waren. Viele von ihnen waren nach der Entwaffnung auf sich selbst gestellt und wurden zu Opfern.
Andere hofften auf Frankreich, um dort aufgenommen zu werden und kamen trotz der offiziellen Anweisungen hier an – mittellos und ohne Bindungen – und wurden unter unwürdigen Bedingungen aufgenommen.

Sie wurden über mehrere Jahre hinweg in Lagern zusammengepfercht, zu mühsamen Arbeiten in den Wäldern gezwungen, ganz ohne berufliche Perspektive. Es hat lange gedauert, bis ihre Rechte berücksichtigt wurden, und ihre Kinder litten darunter, nicht vollständig Teil der Republik zu werden.

Das ist die Wahrheit. Die bittere Wahrheit.

Diese Wahrheit ist unsere und ich bekräftige sie hier ganz klar, im Namen der Republik. Ich erkenne an, dass die französischen Regierungen verantwortlich dafür waren, dass die Harkis im Stich gelassen wurden, dass diejenigen, die in Algerien geblieben sind, massakriert wurden und dass die in Lagern in Frankreich untergebrachten Familien unter unmenschlichen Bedingungen aufgenommen wurden. Dies ist die Haltung Frankreichs.

Frankreich wird seiner Geschichte niemals wirklich gerecht, wenn es die Wahrheit verleugnet. (…)

Der Weg der Wiedergutmachung und der Anerkennung war für die Harkis ein langer.
(…)

Die Harkis und ihre Nachkommen wollten nie etwas anderes als die Republik, als die Gleichheit, die für alle in unserem Land gilt – unabhängig von ihren Ursprüngen, ihrem Werdegang, ihrer Hautfarbe, ihrem Glauben, weil sie alle Kinder der Republik sind. Gleichheit bedeutet Gleichheit der Rechte, Gleichheit der Chancen, Gleichheit auch vor der Geschichte, auf die jeder Anspruch hat. Ich weiß, welchen Schmerz Diskriminierungen noch immer viel zu häufig verursachen; Diskriminierungen, die hartnäckig bekämpft werden müssen, da sie letztlich dem Versprechen der Republik entgegenstehen. Die Harkis und ihre Nachfahren wissen das sehr gut, sie haben diese Diskriminierungen erfahren und erfahren sie noch heute: Vorurteile, Rassismus, Ignoranz und Intoleranz.

Aber die Harkis sind auch stolz, und auch Frankreich ist stolz auf den Erfolg ihrer Kinder und Enkelkinder.

Eine Lektion, die wir daraus unbedingt lernen müssen, ist, dass die Vergangenheit – sei sie noch so schmerzhaft – die Zukunft nicht abwendet, und dass wir die Zukunft vorbereiten müssen.

Die Anerkennung der Verantwortung Frankreichs ist ein symbolischer Akt, der Frieden in die Erinnerungen bringt, in alle Erinnerungen an den Algerienkrieg, in diese verletzungsreichen Erinnerungen. Diese Anerkennung versöhnt die Erinnerungen, ohne sie zu vermischen, vor allem aber ohne sie gegeneinander aufzuwiegeln.
Diese Anerkennung, (…) ist ein Akt des Vertrauens Frankreichs für Frankreich. Das ist es, was unser Zusammenleben ermöglicht.

Letzte Änderung 28/09/2016

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