Französisch, gemeinsame Sprache von 220 Millionen Menschen [fr]

JPEG Der Film „Tim und Struppi“ des amerikanischen Regisseurs Steven Spielberg war weltweit ein Erfolg. Er erzählt die Abenteuer des Helden eines französischsprachigen Comics. Wie er sprechen bzw. lernen Millionen Menschen überall auf der Welt Französisch – eine Sprache, die durch und durch lebendig und modern ist.

Die Zahl der französischsprachigen Menschen hat sich in den letzten 60 Jahren verdreifacht. Entgegen aller Vorurteile ist die Verbreitung der französischen Sprache nicht rückläufig, ganz im Gegenteil. Dem Observatoire de la langue française zufolge gibt es 220 Millionen Französischsprachige überall auf der Welt. Damit steht Französisch auf Platz acht der internationalen Sprachen. In der Rangliste der Amtssprachen steht Englisch auf dem ersten Platz, da es in 63 Ländern Amtssprache ist, gefolgt von Französisch, das in 36 Staaten Amtssprache ist.

Es gibt keinen Krieg der Sprachen, man kann Englisch lernen und sprechen und zugleich Französisch. Die Sprachen schließen sich untereinander nicht aus, und die Zahl der Französischsprachigen steigt beständig an. Ein Viertel aller Sprachlehrer der Welt bringen rund 100 Millionen Schülern Französisch bei. Hinzu kommt noch der von den Alliances françaises und den frankophonen und frankophilen Vereinigungen erteilte Unterricht. Innerhalb der Europäischen Union ist Französisch, nach Englisch, die Sprache, die als erste in der Grundschule bzw. in der Eingangsstufe weiterführender Schulen gewählt wird. Sie ist damit die am zweithäufigsten erlernte Sprache in den 27 Mitgliedstaaten, von denen 14 der Internationalen Organisation der Frankophonie angehören. In Afrika und auch in Südostasien ist die Verbreitung des Französischen, entgegen aller Vorurteile, nicht rückläufig. Nigeria, das in 50 Jahren das Land mit der dritthöchsten Bevölkerungsdichte sein wird, hat Französisch als zweite Fremdsprache verpflichtend im Unterricht eingeführt.

Eine nützliche Sprache

Die Mehrheit der Französischsprachigen vertedigt Französisch als eine „schöne Sprache“, die den Weg zu einem unangefochtenen kulturellen Reichtum und einer kulturellen Besonderheit öffnet. Dies ist nicht falsch. Der französischsprachige Fernsehkanal TV5 ist nach MTV und CNN der am häufigsten ausgestrahlte internationale Fernsehsender. In den USA ist Französisch die Sprache, in die 30 % der Bücher übersetzt und in der die Hälfte der ausländischen Filme gezeigt werden. Aber über die kulturellen Gründe hinaus ist eines der wichtigsten Argumente, das Schüler veranlasst, Französisch zu wählen, dass es sich um eine nützliche und sogar notwendige Sprache handelt und dies nicht nur in den internationalen bzw. europäischen Institutionen.

Französischkenntnisse sind von Vorteil für die wirtschaftliche Entwicklung. So weist Jean-Benoît Nadeau, Autor des Buchs Le français, quelle histoire !, darauf hin, dass nach Wal-Mart die Nummer zwei der Verbrauchermärkte weltweit der französische Carrefour mit Niederlassungen in 34 Ländern ist, wohingegen der amerikanische Konkurrent nur in 15 Ländern präsent ist. Auch das größte Unternehmen ziviler Atomenergie, Areva, hat seinen Sitz in Paris, genauso wie Alstom, einer der Weltmarktführer in den Bereichen Schieneninfrastruktur, Stromerzeugung und Stromnetze.

Dass die französische Sprache so gut aufgestellt ist, geht zunächst auf ihre weltweite Verbreitung zurück. Zwei Drittel der Französischsprachigen auf der Welt sind keine Muttersprachler. Französisch ist wie Englisch eine Weltsprache, die von bereits mehrsprachigen Sprechern gelernt und verwendet wird. Unter den 35 „Unsterblichen“ der Académie française, dieser jahrhundertealten Institution und Wächterin des richtigen Gebrauchs der Sprache, sind übrigens auch fünf Mitglieder ausländischer Herkunft. Assia Djebar ist Algerierin, die Mutter von Hélène Carrère d’Encausse war Russin, Amin Maalouf ist Libanese, François Cheng wurde in China geboren und Hector Bianciotti wuchs in Argentinien auf. Ein unbestrittenes Zeichen dieser Dynamik im Kulturschaffen: Seit 1987 spricht jeder fünfte Preisträger des Prix Goncourt französisch, ohne dass Französisch zwangsläufig seine Muttersprache ist. Dies gilt für den Marokkaner Tahar Ben Jelloun, den Libanesen Amin Maalouf, den Russen Andreï Makine und auch den Amerikaner Jonathan Littel.

Die 1970 gegründete Internationale Organisation der Frankophonie (OIF) mit 56 Mitgliedstaaten und 19 Staaten mit Beobachterstatus nimmt bei der Verbreitung der französischen Sprache einen besonderen Platz ein. Neben der OIF sind Dutzende multilaterale Organisationen und Tausende frankophone Vereinigungen aktiv. Auch dieses Netzwerk macht die Stärke des Französischen aus: Unter Forschern, Diplomaten, Wissenschaftlern und Geschäftsleuten ist die französische Sprache ein Vektor für Ideen und Innovation.

Eine reiche Sprache

Zwar hat sich die französische Sprache außerhalb des Ursprungslands zuerst in Nordamerika verbreitet, doch folgte die weitere Ausbreitung über die ehemaligen Kolonien Frankreichs und Belgiens. In einigen Ländern, wo verschiedene Gemeinschaften unterschiedliche Sprachen sprechen, ist Französisch das verbindende Kommunikationsmittel. In einigen Fällen erfolgte die Verbreitung der französischen Sprache auf Umwegen, wie zum Beispiel über die französischsprachige libanesische Diaspora.

Aus diesem historischen Erbe sind Neologismen hervorgegangen, die den französischen Wortschatz bereichert haben. In Côte d’Ivoire, spricht man von „dégrigriser“, wenn man Menschen von einem Fluch befreit. In Senegal bezeichnet „homo“ keinen Homosexuellen, sondern ein Homonym, eine nützliche Bezeichnung in einem Land, in dem viele denselben Namen tragen. Aus Nordafrika sind Wörter wie backchich (Schmiergeld) oder fissa (schnell) in die französische Alltagssprache eingegangen; genauso wie auch „tchatcher“ (plaudern) oder „kiffer“ (etwas toll finden). Das Französisch von Québec ist besonders lebendig und aktiv; die Verwendung französischer Wörter wird hier gefördert, während in Frankreichs selbst häufig englische Begriffe verwendet werden. So sagt man in Montreal „traversier“ und in Paris „ferry“.

Allerdings ist in einer globalen Welt längst die Zeit vorbei, in der die französischsprachigen Länder den Blick auf Paris oder Brüssel richteten. Die Vernetzung, die durch eine gemeinsame Sprache vereinfacht wird, erfolgt heute direkt zwischen den einzelnen Ländern. Dieses immense Netzwerk wird durch den Ansporn der Agence universitaire de la Francophonie immer größer. Die Agentur umfasst 750 Institutionen in 80 Ländern, darunter Kanada, Algerien, Vietnam und Frankreich. Die Verbindungen zwischen Französischsprachigen sind lebendiger, moderner und effizienter denn je.

Pascale Bernard

Letzte Änderung 25/04/2012

Seitenanfang