Mit 830 900 Geburten und einer Fertilitätsrate von fast 2 Kindern pro Frau im Jahre 2006 gehört Frankreich zu den europäischen Ländern, in denen die meisten Kinder zur Welt kommen. In Frankreich gibt es heute 4,8 Millionen Kinder unter 6 Jahre, davon sind 2,4 Millionen unter 3 Jahre. Die Erwerbsquote der Frauen im gebärfähigen Alter liegt bei 80 %, und 60 % der Kinder unter 6 Jahre wachsen in einem Haushalt auf, in dem beide Eltern arbeiten.
Kleinkinder nehmen in der französischen Familienpolitik einen zentralen Platz ein. Auf diesen Sektor entfällt 1 % des BIP; die Hilfen für Kleinkinder beliefen sich 2006 auf 10,2 Milliarden Euro. Die Finanzierung der Kleinkinderförderung erfolgt im Rahmen des jährlichen Gesetzes betreffend die Finanzierung der Sozialversicherung, Zweig Familie. Diese staatliche Unterstützung für Kleinkinder soll es ermöglichen, Berufs- und Familienleben miteinander zu vereinbaren, und basiert auf dem Grundsatz der freien Wahl der Familien. Den Eltern steht es somit frei, ihre Berufstätigkeit weiterhin auszuüben, sie aufzugeben oder einzuschränken; und sie können aus einem breiten Angebot an Betreuungsmöglichkeiten die Form auswählen, die den Bedürfnissen ihrer Familie am besten entspricht.
Die französische Politik zur Unterstützung von Kleinkindern umfasst mehrere Komponenten: Kinderfürsorge, Betreuung der Kleinkinder und Zahlung von Familienbeihilfen. Ergänzt wird sie vom Mutterschafts- und Vaterschaftsurlaub, für den der Zweig Krankenversicherung der Sozialversicherung zuständig ist, sowie von der Einschulung der Kinder ab dem 3. Lebensjahr, die in den Zuständigkeitsbereich des Bildungswesens fällt. Für die Betreuung und Bildung der Kleinkinder stehen mehrere Arten von Strukturen zur Verfügung, unter denen der öffentliche Sektor weitgehend dominiert.
Dieses französische Modell, bei dem der Schwerpunkt auf der Wahlfreiheit liegt, unterscheidet sich vom schwedischen, britischen oder deutschen System. Das schwedische Gleichheitsmodell fördert die Gleichstellung von Frau und Mann bei der Arbeit und die gemeinsame Übernahme der Verantwortung für die Familie, wofür beträchtliche öffentliche Finanzmittel in die Infrastrukturen für die Kinderbetreuung investiert werden. Mutterschafts und Elternurlaub sind zeitlich begrenzter, werden aber vollständig vergütet. Alle Kinder, deren Eltern berufstätig sind oder studieren, haben Anspruch auf einen Krippenplatz. Das nicht interventionistische britische System zeichnet sich durch ein sehr geringes Angebot an kollektiven Betreuungseinrichtungen aus und sieht öffentliche Maßnahmen zugunsten von Kindern nur im Falle eines Versagens der Eltern oder von Prekarität vor. Das deutsche System basiert auf einem traditionellen Familienkonzept, da lediglich den Familien mit einem einzigen Einkommen Steuervergünstigungen gewährt werden. Eine institutionalisierte Betreuung gibt es für Kinder erst ab dem 3. Lebensjahr, und die Betreuungseinrichtungen wie auch die Schulen sind nur halbtags geöffnet, weshalb die Frauen meistens gezwungen sind, einer Teilzeitbeschäftigung nachzugehen.
Den französischen Familien steht ein Betreuungsangebot zur Verfügung, das umfassender und vielfältiger ist als in den meisten anderen großen europäischen Ländern (insbesondere Deutschland, Italien, Spanien, Vereinigtes Königreich).
Mutterschaftsurlaub - Vaterschaftsurlaub
Die Dauer des Mutterschafts- und Vaterschaftsurlaubs ist gesetzlich geregelt, und das Elternschaftsgeld in Höhe des Lohns zahlt die Krankenversicherung (Sozialversicherungsgesetz, Buch III, L.330-1 ff.).
Die Frauen haben Anspruch auf einen Mutterschaftsurlaub von 16 Wochen für das erste und das zweite Kind, von 26 Wochen für das dritte und von 34 Wochen bei der Geburt von Zwillingen.
Seit Januar 2002 können Väter einen Elternurlaub von 11 Tagen in Folge nehmen, der im Falle einer Mehrlingsgeburt auf 18 Tage verlängert wird.
In den anderen Ländern:
in Schweden dauert der Mutterschaftsurlaub ein Jahr und wird zu 90 % des Lohns vergütet;
in Deutschland dauert der Mutterschaftsurlaub 14 Wochen und wird zu 100 % vergütet;
im Vereinigten Königreich dauert der Mutterschaftsurlaub 18 Wochen und wird zu 46 % vergütet.
Mutter und Kinderfürsorge
In den Genuss der Mutter- und Kinderfürsorge kommen die Familien, die schwangeren Frauen und die Kinder unter sechs Jahre. Sie umfasst Maßnahmen zur medizinischen, psychologischen und sozialen Prävention sowie zur Gesundheitserziehung der künftigen Eltern und der Kinder. Zu dieser Fürsorge gehören auch die regelmäßige Impfungen und die Maßnahmen zur Früherkennung von Behinderungen bei Kindern unter sechs Jahre. Das Departement ist für die Organisation und die Finanzierung der Gesundheitsdienste und ärztlichen Untersuchungen von Mutter und Kind zuständig.
Betreuung der Kinder unter 3 Jahren
Die Kinderbetreuung steht im Mittelpunkt der Politik zur Unterstützung von Kleinkindern. Sie ist für Kinder unter 6 Jahre bestimmt; in der Praxis aber hauptsächlich auf die Kinder unter 3 Jahre abgestellt. Die kollektiven Betreuungsstrukturen machen mit 317 000 Plätzen ein Drittel der Plätze aus. Sie umfassen die Krippen (kollektive Krippen, Familien- und Elternkrippen), die Kindertagesstätten, die Kindergärten und die Mehrfachbetreuungseinrichtungen, die innerhalb ein und derselben Struktur verschiedene Betreuungsformen anbieten. Auch eine individuelle Betreuung steht zur Verfügung: Betreuung durch eine Tagesmutter bei ihr zu Hause oder daheim beim Kind. Durch die Inanspruchnahme mehrerer Elternurlaube, die teilweise vergütet werden, ist zudem eine Betreuung zu Hause durch die Eltern möglich.
Im November 2006 wurde ein Fünfjahresplan „Kleinkinder“ aufgelegt, um das im Hinblick auf die Bedürfnisse der Familien noch unzureichende Betreuungsangebot weiter auszuweiten. Ziel ist es insbesondere, im Jahre 2008 über 350 000 Betreuungsplätze zu verfügen, die Einrichtung von Kleinstkrippen und Unternehmenskrippen zu fördern, im ganzen Land qualitativ gleichwertige Dienste anzubieten und die Rekrutierung von Fachkräften zu erleichtern.
Besonderheit der kollektiven Krippen
In den kollektiven Krippen werden Kinder von einem interdisziplinären Team betreut, das sich aus Kinderschwesternhelferinnen, Erzieherinnen und einem Psychologen zusammensetzt und unter der Aufsicht von Kinderpflegerinnen und eines Kinderarztes steht.
Bei der kollektiven Betreuung in Krippen wird mittels individueller Fürsorge durch eine als Bezugsperson dienende Fachkraft dem Rhythmus eines jeden Kindes Rechnung getragen und für das Kind das notwendige Sicherheitsumfeld geschaffen. Als Ort der Sozialisierung und Anregung der geistigen Entwicklung trägt die Krippe zur Förderung der Chancengleichheit bei.
Beihilfen und ihre Finanzierung
Die kombinierte Leistung für Kinder umfasst die wichtigsten Direktbeihilfen, die die Familienfürsorgekassen zahlen: Geburtszulage, Basisunterstützung, Zusatzhilfe für die freie Wahl der Betreuungsform, Zusatzhilfe für die freie Wahl der Erwerbstätigkeit.
Neben dieser finanziellen Unterstützung zugunsten der Familien finanziert die öffentliche Hand Sachleistungen, indem sie den Zugang zu den Betreuungsdiensten organisiert und die Aufnahmestrukturen ausstattet.
Finanziert werden die Hilfen für die Kleinkinder hauptsächlich durch Arbeitgeberbeiträge und den allgemeinen Sozialbeitrag sowie - allerdings in geringem Maße - durch den Staat und die Gebietskörperschaften.
Einschulung der Kinder zwischen 3 und 6 Jahren
Obwohl der Besuch freiwillig ist, gehen alle 2,6 Millionen Kinder zwischen 3 und 6 Jahren in die Vorschule. Manche Unterrichtsbezirke schulen die Kinder sogar ab dem 2. Lebensjahr ein, insbesondere in den benachteiligten Gebieten oder Gebieten, die nur über wenige Betreuungseinrichtungen für Kinder verfügen. Seit jeher stellt die Vorschule eine der innovativsten Komponenten des französischen Bildungssystems dar. Ziel der Vorschule ist es, die Kinder zu sozialisieren und sie auf die Grundschule vorzubereiten. Die Vorschule umfasst drei Klassen: eine Sektion für „Kleine“, „Mittlere“ und „Große“ entsprechend dem Alter der Kinder. Die Vorschule bemüht sich, ohne starre zeitliche Organisation den Bedürfnissen und dem biologischen Rhythmus der Kinder Rechnung zu tragen und legt den pädagogischen Schwerpunkt auf das Spielen. Der Unterricht konzentriert sich auf fünf Tätigkeiten: Sprachbeherrschung, Zusammenleben, körperliche Handlungs- und Ausdrucksfähigkeit, Entdeckung der Welt, künstlerische Tätigkeiten.
In anderen Ländern erfolgt die Einschulung der Kinder vergleichsweise wie folgt:
im Alter von 6 Jahren in Schweden,
im Alter von 3 oder 4 Jahren im Vereinigten Königreich,
im Alter von 6 Jahren in Deutschland,
im Alter von 3 Jahren in Spanien.
Weitere Informationen - auf Französisch
Politik zur Unterstützung von Kleinkindern
La politique familiale en France
Les modes de garde ou d’accueil des jeunes enfants de 0 a 6 ans, Observatoire del’enfance en France.
Untersuchungen und Statistiken
Etudes et résultats de la DREES
Les prestations familiales et de logement en
2009
Mutter- und Kinderfürsorge
Vorschule
Les écoles maternelles et élémentaires. - site du Ministère de l’Education nationale
