Reform des Collège: Ein weiterer Baustein der großen Schulreform in Frankreich [fr]

Vor dem Hintergrund der Ergebnisse nationaler Studien wie auch der Pisastudie 2012, die ein Absinken des Leistungsniveaus, eine Verstärkung der Leistungsunterschiede sowie sozialer Selektionsmechanismen in den letzten 10 Jahren konstatiert hatten, wird seit 2013 in Frankreich eine große Schulreform umgesetzt (Loi du 8 juillet 2013 pour la refondation de l’école). Im Mittelpunkt steht dabei die Reform des Collège unique [1]*, die ab Schuljahresbeginn 2016 in Kraft tritt.

Priorität Bildung

Ziel der Reform, die die Bildung zu einer obersten Priorität der Nation erklärt, ist die Bekämpfung von Ungleichheiten, die bessere Förderung der Schüler mit Lernschwierigkeiten sowie das Heben des Bildungsniveaus aller Schüler. Hierzu werden im Zeitraum 2013 bis 2017 60.000 Stellen im Bildungsbereich geschaffen und ein Programm zur Digitalisierung der Schulen aufgelegt.

Zudem ist der Haushalt des Bildungsministeriums seit 2015 mit 65,2 Mrd. € (+2,4%) wieder der wichtigste Haushaltsposten der Republik.
Der Reformkalender (2013-2016)

Die Reform erfolgt in mehreren Etappen:

-  Schuljahr 2013/2014: partielle Einführung der 5-Tagewoche in den Vor-und Grundschulen, mehr Lehrer in Problemklassen, vermehrte Einschulung von Kindern unter 3 Jahren in die Vorschule (Ecole maternelle), Reform der Lehrerausbildung, Einsetzung einer Lehrplankommission (Conseil supérieur des programmes
-  Schuljahr 2014/2015: vollständige Einführung der 5-Tagewoche in den Vor- und Grundschulen, Diskussion und Neuformulierung der Lernziele in den Vor- und Grundschulen sowie im Collège (Sekundarstufe I) sowie vollständige Umsetzung der 2006 begonnenen Inklusion für 260.000 behinderte Schüler in den Normalunterricht der Schulen.
-  Schuljahr 2015/2016: Unterricht in den Vorschulen nach den neuen Lehrplänen, Einführung des flächendeckenden Unterrichts im Fach Staatsbürgerkunde/Ethik von der Grundschule bis zum Abitur
-  Schuljahr 2016/2017: Umsetzung der Reform des Collège

Reform des Collège zum Schuljahresbeginn 2016/2017

Zum Schuljahresbeginn 2016 steht mit der Reform des Collège eine weitere Etappe der Schulreform an. Der Fahrplan für die Umsetzung wurde durch die Dekrete vom 20. Mai 2015 festgelegt.

„Die Aufgabe des Collége ist es, jedem Schüler, ohne Unterschiede, eine umfassende Bildung zukommen zu lassen, die es ihm erlaubt, so gut wie möglich, einen Grundstock an Wissen und Kompetenzen zu erreichen, dessen Erlernen schon mit der Einschulung begonnen hat“.

Die Reform hat sich zudem zum Ziel gesetzt, die laut Erhebungen des Bildungsministeriums im Collège konstatierte gewachsene Schulmüdigkeit und Passivität vieler Schüler durch weiterentwickelte und realitätsnähere Bildungsinhalte sowie neue Lernformen aufzubrechen. Das neue Collège soll verstärkt der gewachsenen Heterogenität der Schülerschaft durch eine Neugestaltung der Lehrpläne, neue Unterrichtsformen sowie individualisierte und integrative Unterrichtskonzepte Rechnung tragen.

Bildungsziele und Lehrplan

Das übergeordnete Ziel des neuen Lehrplans ist die Vermittlung eines gemeinsamen Grundstocks an Wissen, Kompetenzen und Kulturtechniken. Dieser ist aufgeteilt in fünf Bereiche:
1. Sprache und Fremdsprachen zur Schulung des Denkens und der Kommunikationsfähigkeit
2. Lern-, Arbeitsmethoden und Beherrschung der digitalen Techniken
3. Persönlichkeits- und Staatsbürgerbildung
4. Natur und Technik
5. Die Welt und das menschliche Schaffen

Das Erlernen dieses Grundstocks soll sich stärker als bisher an den Erfordernissen der modernen Welt ausrichten. Dabei soll der Wissenserwerb durch eine stärkere Verzahnung von theoretischen und praktischen Kenntnissen gefördert werden.
Der neue Lehrplan gliedert sich in Pflichtfächer und Zusatzangebote.
Im Bereich des Pflichtkanons wird neben der schon ab der 2. Klasse (CP) in der Grundschule unterrichteten ersten Fremdsprache – in der Regel Englisch - eine zweite verbindliche Fremdsprache für alle Schüler ab Klasse 6 (cinquième) eingeführt. Die Schüler, die in der Grundschule mit einer anderen Sprache begonnen haben, können diese fortführen und lernen dann Englisch als 2. Fremdsprache.
Die Zusatzangebote umfassen individualisiertes Lernmodule und zwei fächerübergreifende praktische Unterrichtseinheiten (Enseignement pratique interdisciplinaire - EPI) pro Schuljahr, die die Schüler wählen können.
Diese umfassen die folgenden acht Bereiche:

-  Körperlichkeit, Gesundheit, Wohlbefinden und Selbstwertgefühl
-  Kultur und künstlerisches Schaffen
-  Energiewandel und Nachhaltigkeit
-  Medien und Kommunikation
-  Sprachen und Kulturen des Altertums
-  Moderne Fremdsprachen und Kulturen
-  Wirtschaft und Arbeitswelt
-  Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft

Neue Wege der Unterrichtsorganisation und individuellen Förderung

Der in Frankreich oft noch sehr lehrerzentrierte Unterricht soll durch neue Lehrformen modernisiert werden. Die Selbstständigkeit, Experimentierfreudigkeit und das Ausdrucksvermögen der Schüler soll durch verstärkte Gruppenarbeit und mehr projektbezogenes Lernen gefördert werden.

In Zukunft können die Schulen 20% des Curriculums, das sind etwa 4-5 Stunden in der Woche nach den Bedürfnissen ihrer Schüler selbst bestimmen. Hierzu gehören der Unterricht in Kleingruppen oder auch der gleichzeitige Unterricht von mehreren Lehrern in einer Lerngruppe. Für diese Unterrichtsformen werden insgesamt 4000 neue Stellen geschaffen.

Um keinen Schüler zurückzulassen, wird die individuelle Förderung ausgebaut.
Zur Erleichterung des Übergangs von der Grundschule erhalten alle Schüler in der 5.Klasse (6ième) in Zukunft 2016 3 Stunden Unterricht, der mehr auf ihre persönlichen Bedürfnisse zugeschnitten ist. Hierzu gehören die Wiederholung und die Vertiefung des Stoffs. In den Klassen 6 bis 8 (5ème – 3ème) ist dann hierfür 1 Stunde pro Woche vorgesehen.

Zur Gewährleistung eines ausgeglichenen Unterrichtsalltags mit genügend Ruhephasen wird eine Mittagspause von 90 Minuten verpflichtend eingeführt. .

[1Das Collège unique ist die 1975 eingeführte französische Gesamtschule, in die alle Kinder nach der 5-jährigen Grundschule (école élémentaire) kommen. Sie umfasst die Klassenstufen 6 bis 9 (6ème-3ème).

Letzte Änderung 30/08/2016

Seitenanfang