Rentrée 2016: Große Schulreform in Frankreich abgeschlossen [fr]

Mit dem Schuljahresbeginn 2016/2017 am 1. September wird mit der Reform des Collège unique [1], der letzte Teil der großen Schulreform (Loi du 8 juillet 2013 pour la refondation de l’école) umgesetzt.

Diese Reform, die Defizite bei der Vermittlung der grundlegenden Qualifikationen (Lesen, Schreiben, korrekte Sprachbeherrschung, Rechnen) angeht, erfolgte in mehreren Etappen. Die Reform des Collège beinhaltet dabei neben den neu gestalteten Lehrplänen auch eine neue Form der Abschlussprüfung.

Sie zielt auf eine bessere Förderung der Schüler mit Lernschwierigkeiten sowie das Heben des Bildungsniveaus aller Schüler ab. Hierzu werden im neuen Schuljahr 6639 neue Stellen in den Schulen geschaffen (60.000 von 2012-2017). Ebenso werden die Lehrergehälter erhöht. Der Haushalt des Bildungsministeriums ist mit jetzt annähernd 66 Mrd. € seit 2015 wieder der wichtigste Haushaltsposten der Republik geworden.

Reform des Collège zum Schuljahresbeginn 2016/2017

Die Reform hat sich zudem zum Ziel gesetzt, die laut Erhebungen des Bildungsministeriums im Collège konstatierte gewachsene Schulmüdigkeit und Passivität vieler Schüler durch weiter entwickelte und realitätsnähere Bildungsinhalte sowie neue Lernformen aufzubrechen. Das neue Collège soll verstärkt der gewachsenen Heterogenität der Schülerschaft Rechnung tragen - durch neu gestaltete Lehrpläne, neue Unterrichtsformen sowie individualisierte und integrative Unterrichtskonzepte.

Bildungsziele und Lehrplan

Das übergeordnete Ziel des neuen Lehrplans ist die Vermittlung eines gemeinsamen Grundstocks an Wissen, Kompetenzen und Kulturtechniken. Dabei soll der Wissenserwerb durch eine stärkere Verzahnung von theoretischen und praktischen Kenntnissen gefördert werden.

Der Grundstock ist aufgeteilt in fünf Bereiche:

1. Sprache und Fremdsprachen zur Schulung des Denkens und der Kommunikationsfähigkeit
2. Lern-, Arbeitsmethoden und Beherrschung der digitalen Technologien
3. Persönlichkeitsbildung und staatsbürgerliche Erziehung
4. Natur und Technik
5. Mensch und Produktion

Er gliedert sich in Pflichtfächer und Zusatzangebote.

Im Bereich des Pflichtkanons wird neben der schon ab der 2. Klasse (CP) in der Grundschule unterrichteten ersten Fremdsprache – in der Regel Englisch - eine zweite verbindliche Fremdsprache für alle Schüler ab Klasse 6 (cinquième) eingeführt. Bisher begannen nur 27% der Schüler in dieser Klassenstufe mit einer 2. Fremdsprache. Die Schüler, die in der Grundschule mit einer anderen Sprache begonnen haben, können diese fortführen und lernen dann Englisch als 2. Fremdsprache.

Zum Schuljahresbeginn 2016 erhalten alle Schüler neue Lehrbücher in Französisch, Mathematik und Geschichte-Geographie sowie in der 2. Fremdsprache und in den anderen naturwissenschaftlichen Fächern.

Die neu formulierten Zusatzangebote umfassen individualisierte Lernmodule und zwei fächerübergreifende praktische Unterrichtseinheiten (Enseignement pratique interdisciplinaire - EPI) pro Schuljahr, die die Schüler wählen können.

Diese umfassen die folgenden acht Bereiche:

-  Körper, Gesundheit, Wohlbefinden und Selbstwertgefühl
-  Kultur und künstlerisches Schaffen
-  Energiewandel und Nachhaltigkeit
-  Medien und Kommunikation
-  Sprachen und Kulturen des Altertums
-  Moderne Fremdsprachen und Kulturen
-  Wirtschaft und Arbeitswelt
-  Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft

Neue Wege der Unterrichtsorganisation und individuellen Förderung

Der oft noch sehr lehrerzentrierte Unterricht soll durch neue Lehrformen modernisiert werden: Durch verstärkte Gruppenarbeit und Projekt bezogenes Lernen sollen Selbstständigkeit, Experimentierfreudigkeit und das Ausdrucksvermögen der Schüler gefördert werden.

In Zukunft können die Schulen 20% der Stunden, das sind etwa 4-5 Stunden in der Woche nach den Bedürfnissen ihrer Schüler selbst bestimmen. Hierzu gehören der Unterricht in Kleingruppen oder auch der Unterricht von mehreren Lehrern in einer Lerngruppe. Für diese Unterrichtsformen werden insgesamt 4000 neue Stellen geschaffen.

Um keinen Schüler zurückzulassen, wird die individuelle Förderung ausgebaut.
Zur Erleichterung des Übergangs von der Grundschule zum Collège erhalten alle Schüler in der 5.Klasse (6ième) in Zukunft 3 Stunden Unterricht, der mehr auf ihre persönlichen Bedürfnisse zugeschnitten ist. Hierzu gehören die Wiederholung und die Vertiefung des Stoffs. In den Klassen 6 bis 8 (5ème – 3ème) ist dann hierfür 1 Stunde pro Woche vorgesehen.

Zur Gewährleistung eines ausgeglichenen Unterrichtsalltags mit genügend Ruhephasen wird eine Mittagspause von 90 Minuten verpflichtend eingeführt.

Das Bildungsministerium und Fachleute werden in den nächsten Monaten eine erste Bilanz dieser wichtigen Reform ziehen und bei etwaigem Handlungsbedarf Nachjustierungen in die Wege leiten.
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Die neue Abschlussprüfung

Im Juni 2017 wird erstmals das so genannte Brevet des collèges durchgeführt, das mit dem Mittleren Schulabschluss in Deutschland am Ende der Sekundarstufe I vergleichbar ist. Das Bestehen der Prüfung hängt dabei von den unterrichtsbegleitenden Leistungen und dem Ergebnis der Abschlussprüfung ab. Letztere besteht aus zwei schriftlichen Prüfungen:

- eine in der Muttersprache, Geschichte, Geographie, Ethik und Staatsbürgerkunde;
- eine in Mathematik, und abhängig von den unterrichteten Inhalten in zwei der drei wissenschaftlichen Disziplinen (Physik-Chemie, Lebenswissenschaften, Technologie).
Die neu gestaltete mündliche Prüfung hat eine der fächerübergreifenden praktischen Unterrichtseinheiten zum Thema.

Digitalisierung des Collège

Im Rahmen des Planes zur Digitalisierung der Schule werden zum Schuljahresbeginn 1.800 der 7.100 Collèges in Frankreich voll ins digitale Zeitalter eintreten. 175.000 Schüler werden dann über staatlich finanzierte Notebooks oder Tablet-Computer verfügen. Die Anschaffungen werden hälftig von den Departements und dem Staat finanziert.

Insgesamt werden bis 2018 in Frankreich über 3 Jahre 1 Mrd. € in die Fortbildung der Lehrkräfte, die Bereitstellung pädagogischer Ressourcen sowie in die Anschaffung von Computern investiert.

Ausweitung der Inklusion

Die Inklusion von Schülern mit Behinderung im normalen Schulunterricht schreitet mit Schuljahresbeginn weiter voran. Im letzten Schuljahr waren etwa 279.000 Kinder in die Regelklassen integriert, was seit 2012 einem Zuwachs von 24% entspricht.

Der Reformkalender (2013-2016)

Die Reform in Etappen:

-  Schuljahr 2013/2014: partielle Einführung der 5-Tagewoche in den Vor-und Grundschulen, mehr Lehrer in Problemklassen, vermehrte Einschulung von Kindern unter 3 Jahren in die Vorschule (Ecole maternelle), Reform der Lehrerausbildung, Einsetzung einer Lehrplankommission (Conseil supérieur des programmes

-  Schuljahr 2014/2015: vollständige Einführung der 5-Tagewoche in den Vor- und Grundschulen, Diskussion und Neuformulierung der Lernziele in den Vor- und Grundschulen sowie im Collège (Sekundarstufe I) sowie vollständige Umsetzung der 2006 begonnenen Inklusion für 260.000 Schüler mit Behinderung in den Normalunterricht der Schulen.

-  Schuljahr 2015/2016: Unterricht in den Vorschulen nach neuen Lehrplänen, Einführung eines flächendeckenden Unterrichts im Fach Staatsbürgerkunde/Ethik von der Grundschule bis zum Abitur

-  Schuljahr 2016/2017: Umsetzung der Reform des Collège

[1Das Collège unique ist die 1975 eingeführte französische Gesamtschule, in die alle Kinder nach der 5-jährigen Grundschule (école élémentaire) kommen. Sie umfasst die Klassenstufen 6 bis 9 (6ème-3ème)

Letzte Änderung 29/11/2016

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