Wirtschaftsminister Macron: Für die Industrie von morgen in den digitalen Binnenmarkt investieren [fr]

Wirtschaftsminister Emmanuel Macron unterstrich in einem Interview mit der Tageszeitung Le Figaro vom 2. Juni 2015 die Notwendigkeit der umfassenden Digitalisierung der Volkswirtschaft sowie der Schaffung eines digitalen Binnenmarktes mit einer Regulierung auf europäischer Ebene.

Er setze sich zudem mit seinem deutschen Amtskollegen Sigmar Gabriel und italienischen Partnern auf europäischer Ebene für die Verbesserung der Risikokapitalfinanzierung im Rahmen des Juncker-Plans ein, so der Minister.

Frankreich wolle auf dem Weg zur Industrie von morgen insbesondere Schwerpunkte bei intelligenten Gegenständen, in der Datenwirtschaft und beim digitalen Vertrauen setzen. Hierfür wie auch in den Bereichen Medizin, Verkehr, nachhaltige Stadt und intelligente Stromnetze wird die Regierung 3,4 Milliarden Euro für die Ausschreibung von Projekten zur Verfügung stellen.

„Frankreich kann digitale Weltmarktführer hervorbringen“ Interview mit dem Minister für Wirtschaft, Industrie und Digitales, Emmanuel Macron (Paris, 2. Juni 2015)

Le Figaro: Nachdem Sie die Entwicklung von Start-ups vorangetrieben haben: Wie gedenken Sie den digitalen Wandel in der Industrie voranzubringen?

Emmanuel Macron: Das Label FrenchTech verleiht der digitalen Unternehmenskultur in Frankreich jetzt deutlich Sichtbarkeit. Wir haben bei den Finanzierungsfragen große Fortschritte gemacht. Es gab Schwächen bei der Anschubfinanzierung der Start-ups, aber sie wurden dank der BPI (Banque Publique d’Investissement) und privater Akteure wie Partech mit dem Shaker behoben. Jetzt müssen wir für die Folgefinanzierung sorgen, damit die durchstartenden Unternehmen wachsen können. Dazu habe ich Vertreter internationaler Risikokapitalfonds getroffen. Viele von ihnen werden im Herbst nach Frankreich kommen, anlässlich einer Veranstaltung, die wir in Paris mit dem Staatspräsidenten organisieren. Außerdem sind wir mit meinem deutschen Amtskollegen Sigmar Gabriel und unseren italienischen Partnern dabei, die Kommission und die Europäische Investitionsbank davon zu überzeugen, die Risikokapitalfinanzierung im Rahmen des Juncker-Plans zu erhöhen, mit grenzüberschreitenden Fonds, die heute in Europa fehlen, aber die Wachstumsphase der Start-ups stützen können. Jetzt müssen wir noch durch den Aufbau eines strukturierten und attraktiven Börsenmarktes die Ausstiegsmöglichkeiten für Investoren organisieren.

Doch der wichtigste Punkt heute ist die Zusammenarbeit zwischen den großen etablierten Gruppen und den neuen Unternehmen, damit die Digitalisierung in der gesamten Volkswirtschaft voranschreitet. Das ist Phase 2 von FrenchTech, vor allem mit der Einrichtung des BPI-Hubs. Diese Phase 2 erfolgt über die Vervielfachung der F+E-Verträge und durch Start-up-Übernahmen durch unsere multinationalen Unternehmen. Dazu muss in letzteren eine regelrechte Kulturrevolution stattfinden. Sie müssen von einer Kaufkultur, mit starkem Druck auf die Preise ihrer Zulieferer, zu einer Kultur des Wachstums und der Innovation übergehen, in der sie lernen müssen, die Start-ups, mit denen sie arbeiten, in ihrer Entwicklung zu fördern.

Werden denn die großen Unternehmen die Entwicklung von Akteuren fördern, die sie an den Rand drängen könnten?

Wir müssen ihnen das Innovationsvirus einimpfen und sie zugleich anspornen, besser mit den kleinen Unternehmen zusammenzuarbeiten. Den großen Gruppen ist bewusst, dass sie es mit bahnbrechenden Technologien zu tun haben. Es ist jetzt aber nicht die Zeit für Übererregbarkeit: Man muss vielmehr investieren!

Sie haben gerade Lösungsansätze für die Industrie von morgen aufgezeigt. Um welche Sektoren geht es vorrangig?

Im Rahmen der Lösungsansätze für die Industrie von morgen, die im Mai vorgestellt wurden, haben wir drei digitale Prioritäten ausgemacht: Intelligente Gegenstände, Datenwirtschaft und digitales Vertrauen. Diese Lösungsansätze müssen es uns ermöglichen, den digitalen Wandel des Wirtschaftsmodells der Unternehmen zu begleiten. Die Regierung wird 3,4 Milliarden Euro für die Ausschreibung von Projekten in diesen drei vorrangigen und sechs weiteren Bereichen bereitstellen, u. a. Medizin, Verkehr, nachhaltige Stadt, intelligente Stromnetze.

Wie soll die digitale Strategie Frankreichs mit der Europas verbunden werden?
Die Europäische Kommission hat ihre digitale Strategie veröffentlicht, die auf die Schaffung eines digitalen Binnenmarkts abzielt. Eine gemeinsame digitale Regulierung muss in erster Linie auf europäischer Ebene erfolgen, wie in der Vergangenheit mit dem GSM; so kann ein Anbietermarkt von kritischer Größe entstehen, damit die europaweiten Start-ups am globalen Wettbewerb teilnehmen können. Europa muss auch die Verbreitung von Daten wirtschaftlicher Art erleichtern, ohne die es keine digitale Wirtschaft geben wird. Ebenfalls auf europäischer Ebene muss eine einheitliche Regulierungs- und Wettbewerbspolitik eingeführt werden, damit es gelingt, die riesigen digitalen Plattformen (wie Google, Amazon, Facebook, Apple usw.) zu regulieren und dadurch u. a. die Achtung des Privatlebens der Europäer zu gewährleisten. Frankreich muss in der europäischen Arbeit treibende Kraft sein, indem es Vorschläge unterbreitet und in seinem nationalen Vorgehen beispielhaft ist. Wir dürfen nicht dem Beispiel der Länder mit den niedrigsten Standards folgen, mit denen einige europäische Staaten versuchen, die amerikanischen Riesen mit Steuervorteilen oder mit wenig Regulierung zu locken. Wie man sieht, tragen die europäischen Initiativen erste Früchte, denn Amazon hat angekündigt, das Unternehmen werde jetzt in jedem Land Steuern zahlen. Man darf im Druck nicht nachlassen.

Schnelligkeit ist ein Schlüsselelement für Erfolg. Wie sieht der Zeitplan aus?

Das alles wird sehr schnell umgesetzt werden. Im Mai hat die Europäische Kommission ihre digitale Strategie vorgestellt. Im Juni wird der Premierminister die digitale Strategie Frankreichs vorstellen, die den verschiedenen Maßnahmen der Regierung Kohärenz verleihen wird. Der Schwerpunkt unserer digitalen Strategie liegt auf einer schnellen Umsetzung. Das Gesetz für Wachstum und Beschäftigung, das jetzt zurück in die Nationalversammlung kommt und bis Ende Juli verabschiedet wird, bringt unverzüglich weitreichende Bestimmungen für den digitalen Bereich. Zusätzlich zu dem, was ursprünglich in diesem Gesetz vorgesehen war, wie das BSPCE-System, haben wir auch Bestimmungen bezüglich unserer Infrastrukturen eingeführt, damit die Entwicklung der Breitbandversorgung und die Versorgung mit mobilem Internet beschleunigt werden kann. Wir werden noch günstige Maßnahmen für die Entwicklung der Klein- und Kleinstunternehmen und für die Beschäftigung hinzusetzen und am 9. Juni verkünden.

Und schließlich arbeiten wir an Maßnahmen im Zusammenhang mit der Verfügbarkeit und Nutzbarkeit von öffentlichen Daten (Open Data) in so wichtigen Bereichen wie Beschäftigung, Gesundheit, Verkehr. Bis Ende des Jahres soll ein entsprechender Gesetzentwurf eingebracht werden. Es geht der Regierung nicht darum, große digitale Kathedralen auf französischer Ebene zu errichten, sondern konkret und pragmatisch an der Modernisierung unserer Regelungen, unserer Volkswirtschaft, unserer Infrastrukturen zu arbeiten und die Innovation zu fördern.

Wird dadurch die Entstehung von französischen Weltmarktführern begünstigt?

Unsere Strategie besteht darin, uns auf den Bedarf der Kunden zu konzentrieren und französische Akteure – große und kleine – zu identifizieren, die sich herausbilden können, indem sie diesen Bedarf befriedigen. Wir haben Schlüsselsektoren ausgemacht, wie das Cloud Computing, in denen wir über erstrangige private Akteure verfügen, wie OVH, Atos oder Capgemini. Ich habe darauf hingewirkt, dass die beiden großen französischen Cloud-Projekte Cloudwatt und Numergy erneut in Angriff genommen werden und dass die Kapitalbeteiligung daran vereinfacht wird. Bei Cloudwatt, ist das bereits der Fall, es wurde von Orange übernommen; bei Numergy ist es noch im Gange. Was die intelligenten Gegenstände betrifft, so ist Frankreich eine Länge voraus und wir werden am 12. Juni die Cité des objets connectés in Angers eröffnen. Beim 3D-Druck schließlich verfolgen wir die Entwicklung eines globalen Spitzenreiters wie Gorgé. Diese Gruppe ist ein hervorragendes Beispiel für den digitalen Wandel. Als drittrangiger Ausrüster hat er massiv in den 3D-Druck investiert und sein Wirtschaftsmodell damit völlig verändert. Wir haben alles, um französische Weltmarktführer hervorzubringen. Jetzt ist der richtige Moment!

Letzte Änderung 18/08/2015

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